Ruanda – das Land der 1000 Huegel
Hallo Ihr,
Hier kommt mal wieder ein Up-Date von meiner Reise. Unser letztes Ziel war Ruanda, ein sehr sehr faszinierendes Land, in das ich mich sofort verliebt habe. <3
Doch zuerst mal dazu, was fuer Probleme Resa und ich and der Grenze von Tansania nach Ruanda bekommen haben. Wir hatten bei der Einreise nach Tansania nur ein Transit Visa beantragt, da es 2 Wochen gueltig ist und wir nicht mehr Zeit brauchten. Das normale Visa waere fuer 90 Tage gewesen und haette 20 $ mehr gekostet. Um an dieses Visa zu kommen, mussten wir den Grenzleuten halt die Story auftischen, das wir nur auf der Durchreise sind und auf gar keinen Fall irgendwo Urlaub machen wuerden. Tja, leider hatten wir nicht damit gerechnet, dass man bei der Einreise auf Sansibar einen Stempel in den Pass bekommt und damit hat das Personal an der Grenze zu Ruanda halt leicht feststellen koennen, dass wir doch Urlaub gemacht haben... Korruption ist in Tansania nicht so angesagt, damit hiess es geduldig auf die Beamten einreden und einen auf dumm machen. J Nach ner viertel Stunde hatten wir sie dann soweit und mussten noch nicht mal Strafe zahlen, haha.
Nach der Grenze haben wir dann einen Shuttle direkt nach Kigali, der Hauptstadt, genommen. Wer schon mal in Neuseeland war, wird Ruanda lieben! Es heisst nicht umsonst „das Land der 1000 Huegel“, wo immer man auch hinschaut, man sieht nur gruene Huegel. J Die erste Fahrt durch das Land war damit schon mal ein Highlight. Als wir dann nach 3 Stunden in Kigali ankamen, waren wir durchaus ein wenig irritiert – sind wir immer noch in Afrika?!? Die Strassen waren wie geleckt, es wurde ueberall sauber gemacht und Blumenbeete (!) gepflegt (oft von Gefaengnisinsassen). Ausserdem fuhren durch Kigali’s Strassen hunderte von Motoraedern, allesamt ausgestattet mit einem Helm fuer den Passagier! In Nairobi wuerde es bei so vielen Motorraedern alle Sekunden krachen, hier allerdings nicht. Die Leute fahren unglaublich sicher und halten sich an Regeln, daher gibt es so gut wie keine Unfaelle. Alles schon ziemlich verrueckt!
Wir hatten im Voraus schon gehoert, dass Ruanda etwas teurer als die restlichen Ostafrikanischen Laender sein soll und das hat sich bei der Unterkunftssuche auch schnell bestaetigt – kein Doppelzimmer unter 30$... Nach langem Suchen und Rumfragen sind wir bei der Kirche gelandet.^^ Ueberraschender Weise waren alle Nonnen super nett und sehr gelassen drauf, es wurde noch nicht mal nachgefragt, ob jemand von uns mit einem anderen verheiratet ist. Die Unterkunft war direkt in der City, super sauber und hatte einen eigenen Supermarkt, wo billig Alkohol verkauft wurde, haha. Da natuerlich Kigali auch nicht von der Huegellandschaft verschont wurde, war das Fortbewegen immer etwas beschwerlich... aber wozu gibt es hunderte Motorraeder? Um von A nach B zu gelangen hiess es ab aufs Motorrad -natuerlich nie zu zweit und immer mit Helm!
Schnell haben wir festgestellt, dass in Ruanda Englisch, Franzoesisch und die eigene Landessprache (nicht Swaheli) gesprochen werden. Leider sprechen nicht alle Leute alle Sprachen, daher war das Kommunizieren auf Franzoesisch manchmal etwas beschwerrlich (die Jungs konnten beide kein Franzoesisch und bei Resa und mir ist es sehr eingerostet). Doch die Menschen sind alle super freundlich und aufgeschlossen, damit hat sich alles immer irgendwie gefuegt. Auch hier sind die Leute nicht aufdringlich und versuchen zu helfen, wenn man nachfragt. Ich habe mich in Ruanda von Anfang an sehr sehr wohl gefuehlt und beneide deren Freiwilligen. ;)
Doch nun zu dem, was mich an diesem Land auf der einen Seite fasziniert und auf der anderen Seite voellig schokiert hat. Vor ziemlich genau 16 Jahren fand in Ruanda einer der grausamsten Voelkermorde des 20. Jahrhunderts statt, bei dem innerhalb von nur 100 Tagen (!!!) rund 1 Million Tutsi regelrecht abgeschlachtet wurde. Mit dem Beginn der Kolonialschaft gehoerte Ruanda zu Deutschland. Die deutschen Maechte haben dann das Volk in 3 Gruppen eingeteilt – in die Hutu (ca. 85% der Bevoelkerung), die Tutsi (ca. 12 %) und die Kwa (ca. 3%). Die Hutu waren die Leute mit weniger als 10 Kuehen, die Tutsi die mit mehr als 10 Kuehen und die Kwa waren Normaden aus dem Norden. Der Tutsi –Minderheit wurde mehr Intelligenz zugesprochen und damit mehr Macht in allen oeffentlich Positionen gegeben. Nach dem ersten Weltkrieg fiel die deutsche Kolonie an Belgien ab. Auch die belgische Regierung hat diese Rassenunterteilung unterstuetzt. Waehrend beider Weltkriege hat die katholische Kirche die Tutsi in ihren Missionsschulen mehr gefoerdert als die Hutu und ihnen damit bessere Zukunftsperspektiven geschaffen. Nach dem zweiten Weltkrieg aenderte sich allerdings das Verstaendnis der Missionare und diese sahen sich zunehmend als Helfer und Sprachrohr der unterpriviligierten Hutu. Damit wurden nach und nach mehr Hutu der Zugang zu westlicher Bildung geboten. Demnach war nach kurzer Zeit die Hutu-Elite soweit, die Teilnahme an der Politik zu fodern und auf eine Demokratisierung zu draengen. In den 50er Jahren begannen die Belgier die Hutu in die Verwaltung Ruandas einzubinden, was Angst bei den Tutsi ausgeloest hatte, da diese Machtverlust fuerchteten. Nur wenige Monate nach dem Tod des Monarchen eskalierte die Lage und mehrere hunderte Menschen fielen den Gewaltaten zum Opfer. Dies sahen die Belgier als Anlass die Haelfte aller Tusti in der Verwaltung durch Hutu zu ersetzen. Durch diesen Wechsel in der Machtverteilung wurde eine Partei gewaehlt, die unter anderem die Unabhaengikeit Ruanda und die Abschaffung der Monarchie forderte. Im Juli 1962 wurde Ruanda unabhaengig und ein Hutu wurde Praesident, der Ruanda als Einparteienstaat errichtete. Viele Tutsi fluechteten in Nachbarlaender und starteten von dort aus mehrere Angriffe. Mit den Jahren richtete sich die staatliche Gewalt immer wieder gegen die verbliebenen Tutsi, die angeblich mit den Angreifern sympathisierten. Waehrend dieser Zeit wurden ca. 20.000 Tusti ermordet, darunter auch alle Tutsi-Politiker und ca. 30.000 flohen ins Ausland. Die Tusti wurden fuer alle innenpolitische Probleme verantwortlich gemacht. 1972 gab es eine weitere aggressive Welle gegen die Tutsi und der damalige Praesident wagte es nicht einzugreifen, da er einen Machtverlust fuerchtete. Allerdings wurden sie dann durch ihn gestoppt und er zog den Aerger der Hutu damit auf sich. Die ganze Situation hat sich in den folgenden Jahren hochgeschaukelt und ist mit dem Mord am Praesidenten eskaliert, wobei bis heute nicht klar ist, welche Seite fuer den Mord verantwortlich war. Durch die Presse wurde verbreitet, dass die Tutsi minderwaertig seien und deswegen ausgeschaltet werden sollte. Zwischen April und Juni 1994 wurden ca. 1.000.000 Tutsi auf grausamste Art umgebracht, zum Teil waren sogar Kinder daran beteiligt. Viele Fluechtige suchten Schutz in den Gemeinden, wurden aber oft von den Pastoren verraten und dann zu Tausenden in den Kirchen verbrannt oder nachts abgeschlachtet. Heute gibt es im ganzen Land verteilt Gedenkstaetten und Massengraeber. Das Museum zum Genozid in Kigali ist sehr sehr gut aufgebaut und verschafft einem einen guten Ueberblick ueber die ganzen Geschehnisse. Was allerdings echt erschreckend ist, dass einige UN-Truppen waehrend dieser Zeit in Ruanda positioniert wurden und auch ein General um dringende Hilfe gebeten hat, aber keine der groesseren Weltmaechte sich dafuer interessiert hat! Angeblich haetten 5000 Mann gereicht, um den Voelkermord aufzuhalten!!! Es ging sogar so weit, dass die Franzosen die Hutu mit Waffen versorgt haben und Soldaten waehrend dieser 100 Tage immer wieder an die Orte zurueck gekehrt sind, um die Leichen wenigsten ein bisschen human zu beerdigen, allerdings danach wieder abezogen sind, ohne auch nur einzuschreiten. Laut Berichten soll es sogar mehr Moerder als Opfer geben, was die Verurteilung sehr schwer gestaltet hat und immer noch tut (es waren am Ende nur noch 12 Richter am Leben). Damit wurden provisorisch Gerichte auf dem Land eingerichtet, wo Dorfaelteste ueber 800.000 Taeter verhoerten und verurteilten. Allerdings sind heute immer noch sehr viele Taeter frei oder schon wieder entlassen worden.
Auf dieser Webseite findet ihr auch noch einen sehr guten Bericht dazu: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,617313,00.html . Wer interessiert ist, sollte das Buch „100 Tage“ von Lukas Baerfuss lesen. Ich habe hier nur das Groebste aufgeschrieben, also mehr darueber zu lesen empfehle ich euch.
Was man von einem Land mit so einer Geschichte auf keinen Fall erwarten wuerde, ist ein so froehliches und aufgeschlossenes Volk. Wenn man von den Hintergruenden nichts weiss, wuerde einem im ersten Moment nichts Ungewoehnliches auffallen. Ich haette ertwartet, dass die Leute verschlossen sind und grossen Hass auf Wazungu haben, da diese immerhin nicht eingegriffen haben. Wie schon berichtet, wurden wir mehr als herzlich ueberall aufgenommen. Auch habe ich mich dort sehr sicher gefuehlt, sogar sicherer als in Kenia oder Tansania!
Doch nun mal zudem, was wir sonst noch so erlebt haben. An einem Nachmittag sind wir mit einem Shuttle nach Gisenyi am Kivu See gefahren. Diese kleine Stadt am See ist zugleich die Grenzstadt zum Kongo. Der See bietet ein wunderschoenes Panorama und einen atemberaubenden Blick auf die aktiven, in der Nacht rotleuchtenden Vulkane im Kongo. Auch dort haben wir wieder Unterschlupft in der Kirche gefunden. Da die Stadt schon mal an der Grenze zum Kongo liegt, wollten wir zumindest mal ins Niemandland zwischen Ruanda und dem Kongo. Dort haben wir versucht an einen Stempel aus dem Kongo zu kommen, allerdings wurde daraus nichts. Mit der Begruendung, das Visa sei uns zu teuer, sind wir also wieder abgezogen.^^ Das Visa fuer den Kongo kostet an der Grenze uebrigens 280 $ und ist damit das teuerste der Welt! Am letzten Tag haben wir uns einen Jeep gemietet und sind Richtung Sueden gefahren (in Ruanda herrscht Rechtsverkehr!). Von dort aus ging es ohne richtigen Plan nach Westen - wir sind einfach mal drauf losgefahren, um die wunderschoene Landschaft zu geniessen. Auf dem Weg dort hin haben wir in einer weiteren Gedenkstaette angehalten, wo waehrend des Genozids rund 50.000 Menschen ermordet wurden. Damals waren die rund 20 Gebaeude eine Schule und dienten als Zufluchtsort, bis die Tusti verraten wurden. Heute kann man durch die Raeume gehen, wo das Verbrechen stattfand und ohne Vorwarnung liegen in jedem Raum hunderte von praeparierten Leichen! Der Geruch war auch heute noch ziemlich beissend und im ersten Moment waren wir nur noch schokiert – das Ganze ist nichts fuer schwache Nerven! Da wir dummerweise die Entfernungen und die Zustaende der Strassen um einiges unterschaetzt haben, sind wir die halbe Nacht ueber Schotterstrassen (zum Glueck hatten wir nen Jeep!) durch die Gegend geirrt, wo noch nicht mal die Hauptstadt oder irgendeine andere Stadt ausgeschildert wurde. Damit sind wir morgens um 4 Uhr wieder in Kigali angekommen und unser Bus nach Kampala (Uganda) ging um halb sechs, haha.
Voellig platt sind wir gut durchgeschuettelt nach 9 Stunden in Kampala, der Haupstadt von Uganda, angekommen.
Puhh, jetzt bekomme ich langsam einen Krampf in den Fingern, weiter gehen wird es also beim naechsten Mal!
Tschuessi! :D